Drei Liniendiagramme auf einer Folie. Zum ersten Mal in dieser Woche sass ich vor einer Frage, die ich mit meinen eigenen Data Science Werkzeugen hätte anfassen können. 30 % der Lernenden bleiben nach dem Abschluss bei Hitachi Energy. 60 % hätte man gerne. Dazwischen liegt die Challenge. Dazwischen liegen Daten.
Der Tag gehörte den Firmen. Am Morgen cross-ING an der ABBTS, danach zu Fuss zu Hitachi Energy an die Bruggerstrasse, am Nachmittag Aveniq an der Brown Boveri Strasse. Jede Firma hatte zwei bis drei Stunden, um zu erklären, wer sie sind, was ihre Challenge ist und was sie sich von uns erhofft.
Szenarien für eine Welt, die es noch nicht gibt
cross-ING ist ein Engineering Dienstleister und kam zu uns an die ABBTS. Sie wollen wissen, wie sich der Schweizer Energiebedarf 2050 decken lässt. Drei bis fünf Extremszenarien für die Stromversorgung sollen wir durchspielen, um einzelne Energieerzeuger besser einordnen zu können. Randbedingungen sind Wirtschaftlichkeit, CO2-Ausstoss, Versorgungssicherheit, Akzeptanz in der Bevölkerung und potenzielle neue Erzeuger.
Ehrlich gesagt fand ich die Challenge sehr offen. Man formuliert eine Hypothese, denkt sie zu Ende, verwirft sie und nimmt die nächste. An Extremszenarien sieht man die Vor- und Nachteile einer Technologie am deutlichsten, gmäss den Aussagen von corss-ing, ganz so verstanden habe ich es nicht. Trotzdem wusste ich nach der Präsentation nicht, wo ein Team hier überhaupt anfangen würde.
Wer geht und warum er geht
Nach cross-ING sind wir zu Fuss zum Power Tower gelaufen. Hitachi Energy baut dort Technik für Stromnetze, also Hochspannung, Transformatoren und Netzautomation. Rund dreitausend Personen arbeiten in der Schweiz für Hitachi, ein guter Teil davon im Aargau. Eine Firma dieser Grösse bildet auch aus und genau darum ging es.
Vorgestellt hat der Verantwortliche für die Berufsbildung. Zwischen 45 und 55 Lernende stellt Hitachi jedes Jahr ein und die Lehrstellen sind jedes Jahr voll besetzt. Am Anfang der Kette gibt es also kein Problem. Schwierig wird es am Ende. Nach dem EFZ bleibt ein deutlich kleinerer Teil im Unternehmen, als das Unternehmen gerne hätte.
Interessant fand ich, wie er die Abgänge auseinandergenommen hat. Ein Teil studiert weiter, geht ins Ausland, wechselt den Beruf oder muss ins Militär oder in den Zivildienst. Übrig bleiben zwei Gruppen. Die einen wollen bleiben und finden keine Stelle, weil im Moment des Abschlusses in der passenden Abteilung nichts offen ist. Die andere Gruppe will Hitachi behalten und trotzdem gehen sie, aus unterschiedlichen Gründen.
Damit hat die Challenge zwei Seiten und er hat sie genau so formuliert. Was kann Hitachi besser machen, damit die bleiben, die bleiben wollen. Und wie gewinnt man die, die man behalten will, die aber gehen.
Zu den Grafiken vom Anfang gab es Umfragedaten und Exit Befragungen. Welches Team an welcher Challenge arbeitet, wird erst am Mittwoch ausgelost. Ich habe im Stillen gehofft, dass wir diese hier ziehen, weil es die einzige der drei war, die einwenig Daten bezogen war.
Hände hoch, wer hat schon von uns gehört
Am Nachmittag Aveniq. Der Head of HR hat in den Raum gefragt, wer vor dieser Woche schon einmal von der Firma gehört hat. Es gingen sehr wenige Hände hoch. Das war der Einstieg in die Challenge und ein ziemlich mutiger dazu meiner Meinung nach.
Die Frage lautet, wie Aveniq früh Beziehungen zu Talenten aufbaut und eine durchgängige Employee Experience gestaltet, vom Erstkontakt bis ins Alumni-Netzwerk. Warum die Firma bei der Summer School mitmacht, hat sie gleich selbst gesagt. Man will sich bei jungen Leuten besser positionieren und als Arbeitgeber sichtbarer werden. Hochschulmessen, LinkedIn und Employer Branding laufen bereits, dafür gibt es ein eigenes Team. Die Woche hier gehört in dieselbe Reihe. Damit ist die Teilnahme schon ein Stück der Antwort auf die eigene Challenge und die einigen hochgehobenen Hände waren der Beweis dafür.
Nebenbei kam das T-Shape-Modell wieder vor. Am Tag davor hatte ich mein eigenes T auf ein Plakat gezeichnet und heute stand dasselbe Modell auf einer Folie, mit dem Zusatz, ein T sei heute zu wenig und man rede von P-Shaped. Zwei Tiefen statt einer.
Drei Probleme, drei Eigentümer
Am Abend hatte ich den Eindruck, dass es hier gar nicht um ein Ökosystem geht, sondern dass drei Firmen ihre eigenen Probleme mitgebracht haben. Energie, Nachwuchs, Sichtbarkeit. Jede Challenge hat einen klaren Eigentümer und jeder Eigentümer hat etwas davon, wenn sich ein Team damit beschäftigt.
Inzwischen sehe ich es anders. Baden 4.0 will die Firmen, Hochschulen und die Firmen der Region näher zusammenbringen und die Summer School ist eine der Massnahmen daraus. Damit sind die drei Firmen, die FHNW, die ABB Technikerschule und wir vierzig Studierende nicht Zuschauer eines Ökosystems, sondern schon ein Teil davon.
Morgen wird ausgelost, mal schauen welche Challenge es wird.